Rund 240 Fachleute aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport haben am Montag am Veloforum Schweiz Suisse Svizzera in Bern über den Weg zur Velowende diskutiert. Bundesrat Albert Rösti sieht die Schweiz bei der Umsetzung des Veloweggesetzes auf gutem Weg. Der ehemalige stellvertretende Bürgermeister von Paris, Christophe Najdovski, berichtete, wie der «Plan Vélo» in der französischen Millionenmetropole umgesetzt wird. Velosuisse trat als Partnerorganisation des Events auf und brachte die Branchenperspektive in die verschiedenen Diskussionen ein.
Bundesrat Albert Rösti war bei der vierten Austragung des nationalen Veloforums erstmals physisch präsent. Der Verkehrsminister bezeichnete das Velo in seiner Rede als «Riesenvorteil im Nahverkehr» sowie als effizientestes Verkehrsmittel auf kurzen und mittleren Distanzen. Er bekräftigte das Ziel der Roadmap Velo, die Anzahl der gefahrenen Velokilometer bis 2035 zu verdoppeln. Der Magistrat plädierte für etwas mehr Geduld und hielt nach kritischen Stimmen aus dem Parlament fest, die Schweiz sei bei der Umsetzung des Veloweggesetzes gut unterwegs. «Mittlerweile haben fast alle Kantone eine Velofachstelle, und bis auf zwei oder drei sind auch alle Kantone auf Kurs.»
In der «Velefantenrunde» wurden Lisa Mazzone (Präsidentin Grüne), Philipp Matthias Bregy (Präsident Die Mitte), Jürg Grossen (Präsident GLP), Benjamin Mühlemann (Co-Präsident FDP), David Roth (Vizepräsident SP) und Henrique Schneider (Generalsekretär SVP) zu ihren Ansichten bezüglich Roadmap Velo und Umsetzung des Veloweggesetzes befragt. Mit Ausnahme von Schneider («Veloförderung ist keine Priorität der SVP») sind sich die Politiker/innen einig, was die Ziele betrifft. Bei der Frage, auf welchem Weg diese Ziele erreicht werden sollen, traten hingegen grosse Unterschiede zutage. Für Mazzone, Roth und Grossen sollte der Bund mehr Verantwortung übernehmen. Für Bregy bräuchte es weniger Ideologie, dafür steuerliche Anreize. Mühlemann wiederum plädiert für bessere Rahmenbedingungen anstelle von Vorschriften.
Paris: Von 40’000 Autos auf null
Christophe Najdovski, bis 2026 Vize-Bürgermeister von Paris, zeigte auf, was sich innert weniger Jahre erreichen lässt, wenn der politische Wille vorhanden ist. Im Zentrum stand für ihn und Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Umgestaltung des öffentlichen Raums. «Ein Auto befördert in 90 Prozent der Fälle nur eine Person. Für uns war deshalb klar, dass Fussgängerinnen und Fussgänger, Velofahrende und der öffentliche Verkehr mehr Platz bekommen müssen.» Die 3,3 Kilometer lange Schnellstrasse am rechten Seine-Ufer – täglich von über 40’000 Autos befahren – wurde von einem Tag auf den anderen zur Fussgängerzone. Die Nutzung der Pariser Radwege nahm zwischen 2016 und 2020 um 166 Prozent und bis 2025 neuerlich um 47 Prozent zu. «Es funktioniert, wenn man es will.»
Michael Liebi, Präsident der Velokonferenz Schweiz, warnte vor Ausreden wie: «Wir sind nicht Paris.» Das sei zwar naheliegend, aber der falsche Gedanke. Auch in den Niederlanden, in Dänemark, in Strassburg oder Freiburg im Breisgau sei die Velowende gelungen. Mit dem Veloweggesetz seien die Grundlagen geschaffen worden. Nun brauche es eine adäquate Planung: «Wenn wir das Velo als Nische planen, erhalten wir Nischenlösungen. Denken wir das Velo gross, erhalten wir menschenfreundlichere Städte und Gemeinden.»
Der Stadtberner Verkehrsdirektor Matthias Aebischer kündigte an, die im schweizerischen Vergleich bereits gute Veloinfrastruktur der Bundesstadt rot einzufärben. Zudem will er beim Bollwerk wie bereits auf der Lorrainebrücke eine Autospur zugunsten des Veloverkehrs abbauen.
Mehr Sicherheit ist das Ziel der Velowende
Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu, präsentierte die neusten Unfallzahlen: 2025 wurden in der Schweiz 1257 Velo- und E-Bike-Fahrende schwer verletzt, 44 starben – bei den E-Bikes sei die Tendenz steigend. Ursula Wyss, einst Verkehrsdirektorin der Stadt Bern und heute Beraterin für Stadtplanung, plädierte für eine fehlerverzeihende Fahrradverkehrsführung. Die Infrastruktur bzw. das Verkehrssystem müsse so ausgestaltet werden, dass sich velofahrende Menschen von 8 bis 80 Jahren sicher darauf fortbewegen können und auch dann nicht zu Schaden kommen, wenn ihnen ein Fehler unterläuft. «Beträgt das generelle Tempo auf der Strasse mehr als 30 km/h, sollten die Velofahrbahnen vom motorisierten Verkehr getrennt werden.»
Im Panel mit Evi Allemann (Regierungsrätin Kanton Bern), Christian Bättig (Vizepräsident Velosuisse), Lorenzo Cascioni (Vizedirektor ASTRA), Dimitri Marincek (Universität Lausanne), Nils Planzer (CEO Planzer), Siegrist und Wyss ging es um die Frage, wie sich die Unfallzahlen senken liessen. Die Spanne der Lösungsansätze reichte von einer besseren Ausbildung der Verkehrsteilnehmenden über technologische Fortschritte, infrastrukturelle Anpassungen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, einem vorgeschriebenen seitlichen Minimalabstand von 1,5 Metern zwischen Auto und Velo – wie er in den Nachbarländern bereits vorgeschrieben ist – bis zu einem möglichen Helmobligatorium.
Auch die Zahlen bzw. die Zahlenerhebung war Thema der Diskussion, weil die Unfallprotokolle der verschiedenen Polizeicorps in der Schweiz nicht standardisiert sind. Bättig bezeichnete die Zahlen denn auch als «Gorillas in the fog.» Demnächst sollen die Protokolle aber der Zeit angepasst und auch Trendfahrzeuge wie E-Scooter separat erfasst werden.
Inklusion wird nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet
Beim Inklusionspodium zeigten Heidi Hanselmann, Stiftungsratspräsidentin der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, und die zweifache Paralympics-Goldmedaillengewinnerin Manuela Schär auf, wo Menschen mit Querschnittlähmung auf Velowegen an Grenzen stossen. Sie erlebe auf ihrem Handbike oft Situationen, in denen sie auf Hindernisse treffe, die kaum oder gar nicht zu meistern seien, sagte Schär. Hanselmann ortet hierbei ein übergeordnetes Problem. «Inklusion ist noch nicht in den Köpfen drin und wird nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet», hielt sie fest und appellierte an die Politik, bei der Erstellung von Veloinfrastruktur stets eine Inklusionsverträglichkeitsprüfung vorzunehmen.
In drei Breakout-Sessions wurde am Nachmittag über die Koexistenz auf Wanderwegen, über Steueranreize und Firmenvelos sowie über die Gründe des langen Wegs von der Planung zur Umsetzung des Veloweggesetzes diskutiert. Den Abschluss bildete eine inklusive Velo-Tanzshow.
Positives Fazit, aber es gibt noch viel zu tun
Eine Abkürzung zur Velowende wurde am Veloforum Schweiz nicht gefunden. Von der angestrebten Verdoppelung der Velokilometer ist die Schweiz noch ziemlich weit entfernt. Das Fazit der Gastgeberinnen fällt dennoch positiv aus. «Die lebhaften Debatten haben gezeigt, wie wichtig der regelmässige Austausch und die Vernetzung zwischen den Interessengruppen ist», sagte Flavia Wasserfallen, Co-Präsidentin der Stiftung Swiss Bike Park. Swiss Cycling-Präsidentin Luana Bergamin hielt fest, der Austausch helfe, die Sichtweisen anderer nachvollziehen zu können und sich schrittweise anzunähern, damit das enorme Potenzial des Velos in der Schweiz besser genutzt werden könne. Einig sind sich die beiden Persönlichkeiten darin, dass der Druck auf die Politik aufrechterhalten werden muss: «Fast 74 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten haben Ja zum Veloweggesetz gesagt. Das ist ein klares Signal, das uns als Gesellschaft verpflichtet, die Infrastruktur landesweit deutlich zu verbessern – wie es der Gesetzestext vorsieht.»
15. September 2026